Philosophie - praktisch angewandt.

Susan Haack, Timothy Williamson, Jostein Gaarder, Hans- Joachim Störig; Lehrbuch Philosophie (Hrsg.: Breitenstein, Rohbeck)


Für Philosophie habe ich mich schon sehr früh interessiert. In der Schule (noch zu DDR-Zeiten) besuchte ich den Philosophie Klub, meine Erinnerungen hier sind vage, was mir geblieben ist, sind Aussagen bezüglich der Veränderung:
Nichts ist so beständig wie die Veränderung.
Jeden Tag wächst die Veränderung. Die mich gestern kannten, leben heute im Irrtum.

Jahre später las ich Jostein Gaarders Sofies Welt, ein Roman über die Geschichte der Philosophie und anschließend Hans Joachim Störigs Kleine Weltgeschichte der Philosophie, ein Überblick, der von der altindischen und altchinesischen wie der griechischen Philosophie über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert geht.

Zwar hatte ich nun einen Überblick über die Geschichte und die vielen Denker der Vergangenheit, und nicht nur die der griechischen Philosophie, aber was genau Philosophen machen, wenn sie philosophieren, war immer noch eine sehr vage Vorstellung.

Klarer wurde es dann schließlich durch drei Bücher:
Susan Haack, Putting Philosophy to Work / Philosophie praktisch anwenden
Timothy Williamson, Philosophical Method: A Very Short Introduction / Philosophische Methode: Eine sehr kurze Einführung
Peggy H. Breitenstein, Johannes Rohbeck (Hrsg.) Philosophie, Geschichte, Disziplinen, Kompetenzen

Philosophie ist ebenso wie Wissenschaft eine Form der Untersuchung und Erforschung. Susan Haack verwendet den Begriff „inquiry“.
Sie beginnt mit dem Zweifel und dem alltäglichen Denken (oder auch gesunder Menschenverstand) endet aber nicht dort. Timothy Williamson verwendet hier den Begriff „common sense“. Er schaut in seinem Buch darauf, wie Philosophie mit der Wissenschaft und der Mathematik in Beziehung steht.

Susan Haack zitiert Wilfried Sellars: Das Ziel der Philosophie ... ist es, zu verstehen, wie die Dinge im weitesten Sinne des Wortes zusammenhängen.

Wir sehen hier schon, dass vieles, was auf Philosophie zutrifft, auch auf Wissenschaft zutrifft.

Susan Haack meint, wir bräuchten eine Philosophie, die zugrundeliegende Muster und Prinzipien aufspürt, ohne die Einzelheiten aus den Augen zu verlieren, und die sich mit Schlüsselthemen unserer Kultur auseinandersetzt, ohne dabei Abstriche bei Klarheit und Strenge (rigour)  zu machen. Haack ist dabei sehr wohl bewusst, dass dies eine hoher Anspruch ist. Strenge, Klarheit, Umfang, Tiefe und Sachdienlichkeit seien allesamt nicht leicht; sie zu kombinieren sei noch viel schwieriger, denn die Anforderungen an Strenge und Klarheit, Tiefe und Umfang können sich gegenseitig behindern und widersprechen. In ihrem Bestreben, den „Zusammenhang der Dinge“ besser zu verstehen, interessierte sie sich unter anderem für Fragen der Beständigkeit (Kontinuitäten) und der Brüche (Diskontinuitäten) zwischen Philosophie und anderen Formen der Untersuchung und Erforschung sowie für die philosophischen Lehren, die man aus Werken der Literatur ziehen kann.

Timothy Williamson beschreibt das, was Philosophen tun so: Die Philosophie geht, wie jede Wissenschaft, von Wissens- und Denkweisen aus, die jeder normale Mensch hat, und wendet sie etwas sorgfältiger, systematischer und kritischer an und wiederholt diesen Prozess immer wieder.

Traditionellerweise wollten die Philosophen die Natur von allem in einer sehr allgemeinen Weise verstehen: Existenz und Nichtexistenz, Möglichkeit und Notwendigkeit; die Welt des gesunden Menschenverstands, die Welt der Naturwissenschaften, die Welt der Mathematik; Teile und Ganzes, Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, Geist und Materie. Sie wollen unseren Verstand selbst verstehen: Wissen und Unwissenheit, Glaube und Zweifel, Schein und Wirklichkeit, Wahrheit und Falschheit, Denken und Sprache, Vernunft und Gefühl. Sie wollen verstehen und beurteilen, was wir mit diesem Verständnis tun: Handlung und Absicht, Mittel und Zweck, gut und schlecht, richtig und falsch, Tatsache und Wert, Freude und Schmerz, Schönheit und Hässlichkeit, Leben und Tod und vieles mehr. Die Philosophie ist überaus ehrgeizig.

Und so enthält seine sehr kurze Einführung folgende Kapitel: Vom gesunden Menschenverstand ausgehen // Diskutieren // Begriffe klären // Gedankenexperimente durchführen // Theorien vergleichen // Schlussfolgerungen ziehen // Die Geschichte der Philosophie nutzen // Andere Wissensgebiete nutzen // Modelle bauen - die einen guten Einblick in die Arbeit des Philosophen vermitteln.

Das Lehrbuch „Philosophie“ von Breitenstein und Rohbeck für Studenten der Philosophie im Bachelor schreibt über das Philosophieren, dass es erlernt werden muss. Auch wenn es an alltägliche Überzeugungen anknüpft, so hinterfragt es diese doch auf eine systematische und methodische Weise. Etwas, dass man im Alltag eher nicht tut. Philosophieren beruht auf eigenständigen, jedoch nachvollziehbaren, begrifflich klaren und reflektierten Gedankengängen. Man muss dabei immer klären, was genau gemeint ist, wenn man von etwas wie Glück, moralischer Verantwortung, Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit etc. spricht.

Philosophieren ist also nicht bloß die Geschichte der Philosophie zu kennen, obwohl die natürlich auch eine Rolle spielt. Der Blick in die Philosophiegeschichte sollte nicht dazu verleiten, einfach die Fragen und Antworten früherer Philosophen zu entnehmen, sondern dient dazu den Horizont des Hinterfragbaren zu erweitern und auch Irrwege zu vermeiden. Aus dem Blick in die Philosophiegeschichte erkennt man auch, dass immer wieder ähnliche Fragestellungen bearbeitet wurden und werden, die nie vollständig befriedigend beantwortet wurden (oder sein werden).

Das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft wird deutlich, wenn man bedenkt, dass immer wieder Problembereiche ausgelagert und zu Gegenständen eigener Disziplinen gemacht wurden, und zwar immer dann, wenn ein Forschungsfeld fest umrissen werden konnte und die Fragen mit eigenständigen und empirischen Methoden gelöst werden konnten.

So wurde in der Antike die Mathematik ausgelagert, in der Neuzeit dann die Naturwissenschaften: Physik, Biologie, Chemie und Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts dann die Psychologie und die Soziologie.

Innerhalb der Philosophie gibt es keine Einigung auf eine allein gültige Methode. Die Philosophen argumentieren je nach Temperament und Problemstellung. Als dominierende Strömungen der Gegenwartsphilosophie werden genannt: Hermeneutik und Dekonstruktion, Analytische Philosophie, Dialektik, Konstruktivismus und Phänomenologie.

Jostein Gaarder gibt seiner Heldin Sophie über die Figur von Alberto den Rat mit, keine voreiligen Schlussfolgerungen zu ziehen. Das sollte die wichtigste Lektion sein, die Sophie lernt in diesem Philosophiekurs, und sie lernt auch, dass es gar nicht so einfach ist, diesen Rat in die Praxis umzusetzen.

Was nun aber nicht bedeuten kann, dass man niemals Schlussfolgerungen ziehen sollte. Man muss immer wieder welche ziehen und auch immer wieder die Ausgangssituation betrachten und sich fragen, ob die Annahmen, die man traf und auf deren Grundlage man schlussfolgerte, noch gelten oder ob man inzwischen weitere Informationen und Wissen hat, die andere Annahmen und andere Schlussfolgerungen erfordern.

So ist die Big History Disziplin gut beraten, sich und ihre Behauptungen zu reflektieren, ihre Motivation für und ihre Sehnsucht nach einer modernen Ursprungsgeschichte kritisch zu hinterfragen. Es genügt nicht, zu sagen, wir müssen der zunehmenden Spezialisierung etwas entgegensetzen, die Fragementierung aufheben und die Natur- und Geisteswissenschaften integrieren. Man muss auch fragen, warum gibt es das alles überhaupt, was daran ist vielleicht sogar berechtigt und warum genau? Ebenso muss man fragen, auf welchen Annahmen baut Big History auf?

Der französische Philosoph Pascal Nouvel z.B. meint Big History bräuchte einen Meta-Diskurs zur Einordnung von Big History. Er untersuchte, wie wir über alle möglichen Arten von Ursprüngen sprechen und stieß erst im Verlaufe seiner Untersuchung auf Big History. Für Nouvel war Big History nicht der Ausgangspunkt seiner Untersuchung darüber, wie wir Ursprungserzählungen konstruieren, dennoch bezog er Big History in seine Untersuchung ein, da sie den Anspruch hat, eine moderne wissenschaftliche Ursprungserzählung zu sein.

Ursprungserzählungen (narratives on origins) - Pascal Nouvel, Carl Friedrich von Weizsäcker

In Big History wird zumeist unterschieden zwischen traditionellen Ursprungsgeschichten, die in den verschiedenen Religionen verhaftet sind, und der modernen wissenschaftlichen Ursprungsgeschichte von Big History. Nouvels Untersuchung stellt jedoch fest, dass es nicht nur diese zwei Arten gibt, über Ursprünge zu sprechen, sondern insgesamt vier. Er stellt diese vier Arten in der Reihenfolge dar, wie sie in unserem (westlichen Kulturkreis) entstanden sind. Nicht, weil dies das Maß der Dinge wäre, sondern weil man sich im Thema notwendigerweise beschränken muss. Das gilt natürlich auch für meine Zwecke hier, und so kann der Leser nicht erwarten, Nouvels These vollumfänglich dargelegt zu bekommen. Ich beschränke mich auf das, was mir in Bezug auf Big History relevant erscheint.

Diese vier Arten über Ursprünge zu sprechen, in die man die vielen Ursprungserzählungen einordnen kann, haben sich durch die (sprachliche und gedankliche) Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt entwickelt.

Mythische (mythologische) Ursprungserzählungen bilden dabei den Ausgangspunkt. Sie sind uralt und wurden lange Zeit, bevor sie niedergeschrieben wurden, mündlich überliefert. Die Menschen machen sich also seit jeher Gedanken darüber, wie die Welt, in der sie sich wiederfinden, entstanden sein könnte und wie sie selbst in diese Welt gelangt sind. Diese Erzählungen basieren in der Hauptsache auf der menschlichen Einbildungskraft (imagining) und sie enthalten auch stets eine moralische Komponente. Auf eine gewissen Weise sind sie dogmatisch, denn sie werden lediglich weitererzählt, ohne kritisch hinterfragt zu werden. Man kann sie nur entweder als Ganzes annehmen oder als Ganzes ablehnen.

Während man in Big History diesen mythischen Erzählungen nun direkt die moderne wissenschaftliche Erzählung gegenüberstellt, zeichnet Nouvel ein differenzierteres Bild. Mit dem Aufkommen der Schrift beginnen die Menschen, ihre zuvor mündlich überlieferten Geschichten niederzuschreiben. Sie beginnen auch, die alten Geschichten zu hinterfragen und damit zu vergleichen, wie sie die Welt sehen und erleben. Kann das wirklich so gewesen sein? Sie gehen auf sehr rationale Weise an die Frage nach dem Ursprung und die damit verbundene Frage nach dem Wesen der Dinge heran und kommen zu anderen Antworten. Sie kommen damit auch sogleich zu einem Diskurs, und aus der Ursprungserzählung wurde die Suche nach einem Prinzip, dass allem Sein unterliegt. Begriffliches und konzeptionelles Denken steht für die Philosophen im antiken Griechenland im Vordergrund. So nennt Nouvel die zweite Kategorie von Ursprungserzählungen dann auch rational. Man setzte sich mit den mythische Erzählungen auseinander indem man sie kritisch hinterfragt und beginnt begriffliche Unterscheidungen zu treffen. Rationale Ursprungserzählungen basieren demnach in der Hauptsache auf der Vernunft (reasoning). Was nun aber nicht heißt, dass die Einbildungskraft nicht weiterhin am Werk ist, nur wird sie jetzt eben kritisch und logisch hinterfragt.

Tatsächlich dauerte es ein paar Jahrhunderte von den alten Griechen bis zu Darwin, bevor man von wissenschaftlichen Ursprungserzählungen sprechen kann. Nouvel führt sehr detailliert aus, welche Denkprozesse hierfür notwendig waren. Zum einen weist er auf das Verständnis von Zeit hin, das sich wandelte. Zum anderen war man mehr und mehr bestrebt, über Ursprünge auf der Basis von Fakten und Beobachtungen, Untersuchung und Demonstration zu sprechen. Das Experiment spielt eine zentrale Rolle, wo die antiken Philosophen lediglich auf rationales und logisches Denken setzten.

Interessant ist nun, dass die der rationalen Vernunft verpflichteten Philosophen ihre Ursprungserzählungen als den mythischen überlegen betrachteten, und die dem Experiment und der Bobachtung verpflichteten Wissenschaftler wiederum ihre Ursprungserzählungen sowohl den rationalen als auch den mythischen als überlegen betrachteten. Daher verwundert es wohl nicht, wenn als nächstes eine Gruppe aufkommt, die wiederum die wissenschaftliche Herangehensweise als naiv und einseitig betrachtet.

Auch die Phänomenologen suchten nach dem Ursprung, schauten sich das an, was Denker und Forscher vor ihnen dazu geschrieben haben und wiesen dann darauf hin, dass man den Anfang von all dem doch im menschlichen Denken und Bewusstsein verorten müsste. Schließlich wird alle Erkenntnis von einem erkennenden Subjekt (einem Menschen) gewonnen. Wir nehmen die Welt wahr und fassen sie in Begriffe, alles beginnt im menschlichen Bewusstsein. Dieses Kapitel war tatsächlich sehr spannend für mich, wenn auch das am schwierigsten zu verstehende. Doch Nouvel fand gut nachvollziehbare Beispiele aus dem Alltagserleben.

Nouvel arbeitet heraus, dass das Wort Phänomen genau genommen zwei Bedeutungen hat. Zum einen werden damit Prozesse oder Vorgänge in der Natur bezeichnet, die von den Naturwissenschaften untersucht werden. Genau darum geht es in Big History.

Zum anderen werden damit aber auch Symbole/Sinnbilder im Denken/Bewusstsein bezeichnet und von den deshalb so genannten Phänomenologen untersucht, also Philosophen, die sich mit diesem Thema befassen.


In der wissenschaftlichen Diskussion über den Ursprung liegt der Schwerpunkt eindeutig auf den Phänomenen als Vorgänge in der Natur, und das Phänomen als Sinnbild im Denken ist in den Phänomenen als Vorgang/Prozess in der Natur enthalten.

Bei der phänomenologischen Art über den Ursprung zu sprechen, ist es im Grunde umgekehrt. Das Phänomen als Prozess/Vorgang in der Natur ist im Phänomen als Sinnbild im Denken enthalten. Phänomenologische Ansätze haben einen anderen Ausgangspunkt, nämlich das menschliche Bewusstsein/Denken.


Während also die Naturwissenschaften die Bedeutung des Wortes Phänomen im Sinne von Sinnbild im Denken ausblenden, blenden die Phänomenologen die Tatsache aus, dass sich dieses Bewusstsein/Denken erst einmal natürlich entwickeln musste.

Man könnte nun fragen, was denn nun zuerst da war:
Die Materie selbst und ihre Geschichte?
Die Fähigkeit eine Idee/ einen Gedanken zu formulieren?

Nouvel jedoch schlägt vor, einfach anzuerkennen, dass es zwei in sich selbst völlig legitime   Herangehensweisen an Ursprünge gibt, zwei Interpretationen:


Erste Interpretation: Wir sind Menschen und beobachten die Welt und versuchen, sie zu verstehen; wir müssen notwendigerweise von irgendwoher kommen, wir haben einen Ursprung, unser Ursprung liegt in der Natur um uns herum, die wir beobachten; die Frage ist dann, so weit wie möglich, unseren Ursprung in der Natur aufzuspüren und das Ergebnis davon in eine Geschichte zu verwandeln, die Geschichte unseres Ursprungs in der Natur.

Zweite Interpretation: Wir (Menschen) selbst sind der notwendige Ausgangspunkt für dieses Verstehen.  Es ist unser Sein, unser Bewusstsein, das zuerst eine Vorstellung von sich selbst und der Welt/Natur konstruiert, aus der es hervorgeht. Und dann geht es darum, dieses Urphänomen, das die Quelle aller möglichen Vorstellungen von der Natur ist, so weit wie möglich zu identifizieren.

Dies ist ist logische Schlussfolgerung aus dem, was ist: das Bewusstsein, das wir haben, muss von irgendwoher kommen. Daher sollte man es in der Natur suchen bzw. nach seiner Natur suchen.
Ich denke nun, das ist es, was wir in Big History bisher tun.

Dies ist wiederum die logische Schlussfolgerung aus dem, was ist: Die Idee der Natur selbst muss von irgendwoher kommen.

Das entspricht meinem Verständnis nach einem von Weizsäckers zwei Halbkreisen, und zwar den, den er selbst in Die Geschichte der Natur darstellt.

Das wiederum entspricht meinem Verständnis nach dem anderen von Weizsäckers zwei Halbkreisen.


Nouvel setzt die von ihm gefundenen Kategorien nicht in eine hierarchische Ordnung, sondern schließt alle vier zu einem Kreis, denn die phänomenologische Herangehensweise an Ursprünge bezieht wiederum die Einbildungskraft stark ein.

Mit der Möglichkeit der symbolischen Sprache gleiten wir von der einen Bedeutung des Wortes Phänomen zur anderen: vom Phänomen als Prozess/Vorgang in der Natur zum Phänomen als Symbol, als Zeichen, das auf andere Zeichen verweist.

Wenn Big History also das Ziel hat, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften zu integrieren, dann kann man die zweite Bedeutung des Wortes Phänomen, also im Sinne von Zeichen, das auf andere Zeichen verweist, nicht völlig außer Acht lassen. Es ist andererseits auch müßig, sich darüber zu streiten, welche der beiden Bedeutungen nun ursprünglicher ist. Nouvel zeigt auf, dass sie sozusagen quer zueinander liegen.

Es gibt zwei gültige Sphären des Phänomens, und beide sind autonom.


Das Gehirn ermöglicht das Symbol

Das Symbol erzeugt seinerseits Hirnprozesse

Die Erzeugung eines Symbols ist eine Operation, die auf (materiellen) Gehirnprozessen beruht.

Hirnprozesse schaffen die Möglichkeitsbedingungen für die symbolische Sphäre.

Wenn wir von materieller Kausalität sprechen, meinen wir die Kausalität der Prozesse/Vorgänge in der Natur. Diese prozedurale (materielle) Sphäre liefert die Bedingung der Möglichkeit für die symbolische Sphäre.

Die symbolische Sphäre hat ihre eigene Logik der Entfaltung (das Bewusstsein liegt im phänomenologischen Bereich). Symbolische Kausalität meint daher die Wiederkehr multipler Zeichen und durch die Pluralität dieser Wiederkehr die Erzeugung von Sinn.

Die symbolische Sphäre lässt sich nicht auf die materielle Sphäre reduzieren.

Bedeutung entsteht also in der symbolischen Sphäre, im Bewusstsein.

Die beiden Modi der Kausalität, diejenigen in der symbolischen Sphäre (Bewusstsein) und diejenigen in der Sphäre der Prozesse (Natur), sind völlig verschieden. Aufgrund dieses Unterschieds sind ihre Wirkungsrichtungen senkrecht oder quer zueinander.

Da die beiden Sphären autonom sind, gibt es zwei Diskurse über den Ursprung:
Zum einen der Ursprung der Prozesse, die den Fluss des symbolischen Bewusstseins ermöglichen. Diese werden als Emergenz-Narrativ erzählt, also als Abfolge von Dingen, die neu entstehen aus den Dingen, die zuvor vorhanden waren. Ein Beispiel hierfür ist David Christians Erzählung hier.
Zum anderen der Ursprung des Bewusstseins selbst, die phänomenologische, eher beschreibende, Erzählung.

Beide stehen in einem Verhältnis gegenseitiger Durchdringung. Das individuelle Bewusstsein ist mit der Welt durchdrungen (Nouvel verweist hier auf das Werk von Edmund Husserl).
So drückt es auch Lawrence LeShan in Das Rätsel der Erkenntnis - Wie die Realität entsteht, aus in Kapitel II - Bewusstsein und Weltbilder: Unser Bewusstsein ist untrennbar mit allem verwoben.

Manch ein Leser ist nach dieser letzten Aussage vielleicht geneigt zu schlussfolgern, dass alles Bewusstsein ist, aber erinnern wir uns an den Rat, den Jostein Gaarders Sophie mit auf den Weg bekam: ziehen wir keine voreiligen Schlussfolgerungen!

Wir haben es also mit einer materiell-natürlichen Situation zu tun, die sowohl den Menschen als auch das menschliche Bewusstsein hervorgebracht hat, und mit einer erkenntnistheoretischen Situation, in der wir als Menschen mit der Welt konfrontiert sind.


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