Little Big History - kleine Big History Geschichten

Esther Quaedackers versuchte diese Fragen zu beantworten, indem sie Aspekte verschiedener Abschnitte von Big History mit einem Stadtplan von Paris, dem Ort, an dem sie und der Fragesteller sich gerade befanden, zu verbinden versuchte. Dabei stellte sie fest, dass dies eine sehr kreative Übung ist, bei der man auf neue Gedanken kommt. Später verwendete sie diese Idee in einer Aufgabe für eine Studentin in ihrem Big History Kurs und stellte fest, dass diese Aufgabe der Studentin half, sich intensiver auf Big History einzulassen. Dadurch wurde es konkreter, fassbarer und besser verständlich für sie. In den Big History Kursen an der Uni von Amsterdam ist diese Aufgabe inzwischen als Abschlussarbeit obligatorisch für alle Teilnehmer. Der Name Little Big History stammt von Fred Spier.

Im Wesentlichen geht es also darum, das erworbene Big History Wissen anzuwenden, indem man ein selbstgewähltes Thema in Verbindung mit Aspekten von Big History bringt und sich so darin übt, die Welt durch die Brille von Big History zu betrachten.

Im Coursera-Kurs war die konkrete Aufgabenstellung wie folgt:

- Wähle ein Thema oder Alltags-Objekt, welches dich fasziniert.
- Verbinde dieses mit jeweils einem Aspekt eines Hauptabschnittes von Big History
- Formuliere eine Frage zu dieser Verbindung
- Beginne die Frage zu beantworten

Die Teilabschnitte von Big History waren dabei vorgegeben:

Kosmische Geschichte
(Urknall - Sterne - Chemische Elemente - Sonnensystem)

Geschichte der Erde und des Lebens
(Erde und Sonnensystem - Leben auf der Erde)

Menschheitsgeschichte
(kollektives Lernen - Landwirtschaft - Neuzeit)

Indem man versucht Fragen zu formulieren, wird das Denken mehr angeregt als bei der Formulierung von Aussagen und führt somit auf eine Entdeckungsreise. Auf dieser geistigen Entdeckungsreise muss man das Gelernte erinnern und mit einem Thema bzw. Objekt verknüpfen, dass man sich ausgesucht hat, weil es fasziniert. Hierbei werden keinerlei Vorgaben gemacht. So wurden von Big History Studenten schon Little Big Histories geschrieben über: Tee, Kaffee, Bier, Tomaten … als auch über Salz, Silber, Gold, Wasser … Smartphones … Pferde, Waffen, Gebirge … Kommunikation… Die Bandbreite reicht von konkreten Alltagsgegenständen bis zu abstrakten Themen. Wichtig ist, es sollte etwas sein, was einen so sehr interessiert, dass man mehr darüber lernen möchte.

Anfangs wirkt das vielleicht ein wenig furchteinflößend, weil man denkt, das ist eine zu große Herausforderung für mich. In der Tat hat es auch mich aus meiner Komfortzone gestupst. Bleibt man aber dran, lernt man Big History besser kennen, weil die abstrakteren Teile insbesondere der Big History Theorie nun im eigenen Thema greifbarer werden.
Die persönliche LBH, wie man die Little Big History abkürzt, fungiert dabei als Mittel um Zusammenhänge herzustellen, die Welt wird be-greifbarer und man versteht die Bedeutung der kosmischen Geschichte für die Menschheitsgeschichte und schließlich auch für die eigene Geschichte. Beispiel: Ohne die Sterne, in denen die Elemente geschmiedet wurden, die unseren Planeten ausmachen, gäbe es auch kein Leben auf der Erde und somit auch keine Geschichte der Menschheit, keine Sprache, könnte ich diese Webseite nicht schreiben.

Die Little Big History kann, so wie das im Coursera Kurs der Fall war, ein Aufsatz sein, es kann aber auch eine Multimedia-Präsentation oder ein Film sein, die dabei entstehen. Im Rahmen des Big History Project an den Schulen wird am Ende des Schuljahres oft ein Abend veranstaltet, an dem die Schüler ihre LBHs den Eltern und Lehrern präsentieren.


Im 2019 erschienenen Routledge Companion to Big History schreibt Esther Quaedackers ein Argument für kleine Big History Geschichten (A Case for Little Big Histories), aus dem ich hier zitieren möchte:

Kleine Big History Geschichten sind Studien, die ein bestimmtes Thema mit allen Hauptabschnitten von Big History verbinden. Sie können über fast alles geschrieben werden, von scheinbar einfachen Teilen unserer Alltagswelt wie einer Tasse Tee oder einem Ziegelstein bis hin zu komplexeren Konzepten wie wissenschaftlichen Theorien oder historischen Entwicklungen. Kleine Big History Geschichten verbinden diese Themen mit Prozessen wie der Entstehung und Entwicklung unseres Sonnensystems und der Erde, dem Ursprung des Lebens und der Entstehung der menschlichen Landwirtschaft. Auf den ersten Blick mag der Versuch, solche Gegenstände und Prozesse zu verbinden, eher eigenartig erscheinen. Aber wenn man darüber nachdenkt, können kleine Big History Geschichten helfen, einige der grundlegendsten Fragen zu beantworten, die wir über unsere Welt stellen können. Sie können dazu aus zwei Gründen beitragen. Zunächst einmal sagen uns kleine Big History Geschichten, wie spezifische und oft relativ kleine Gegenstände in das größte Bild der Welt passen, das wir haben, und können daher verwendet werden, um dieses Bild zu testen. Zweitens, und zu diesem Zeitpunkt vielleicht am wichtigsten, können kleine Big History Geschichten uns helfen, besser zu verstehen, warum ihre Gegenstände so sind, wie sie sind. (meine Übersetzung)

Beispielhaft skizziert sie in diesem Kapitel wie eine kleine Big History Geschichte eines Ziegelsteins aussehen könnte, um das Potenzial dieses Ansatzes zu demonstrieren.

Zunächst einmal gilt es die Hauptabschnitte von Big History zu definieren, die man zugrunde legen möchte. Wie wir unter Erzählung gesehen haben, gibt es mehrere Möglichkeiten hierfür, da es unter den Big History Forschern derzeit keinen Konsens darüber gibt. Man wählt also diejenige Unterteilung, die einem für das zu untersuchende Objekt am nützlichsten erscheint.

Für ihre beispielhafte kleine Big History Geschichte wählte Esther Quaedackers die Unterteilung in drei Hauptabschnitte: Geschichte der unbelebten Welt, Geschichte der belebten Welt und Geschichte der menschlichen Kultur. Anschließend formulierte sie zu jedem Abschnitt eine Frage, wie die bestimmten Eigenschaften eines Ziegelsteins während jeder dieser Abschnitte entstanden sind und versucht sich dann an einer teilweisen Beantwortung dieser Frage.

Sie schreibt: Zum Beispiel werde ich den Stein mit der Geschichte der unbelebten Welt und darüber hinaus verbinden, indem ich erforsche, warum bestimmte Arten von Atomen in Ziegeln landeten. Ich werde den Ziegel mit der Geschichte des Lebens und darüber hinaus verbinden, indem ich untersuche, warum bestimmte Tiere mit ziegelartigen Materialien bauen. Und ich werde meinen Ziegel mit der Geschichte der menschlichen Kultur verbinden, indem ich erkunde, warum Menschen Ziegel verwenden. (meine Übersetzung) Abschließend merkt sie an, dass diese Fragen nicht ganz zufällig gewählt sind, sondern voneinander abgeleitet, wie im Verlauf der kleinen Big History Geschichte noch deutlich wird.

Es geht dabei nicht darum, die Gegenstände, wie einen Ziegelstein, vollständig zu verstehen, sondern darum, unser Verständnis der betrachteten Gegenstände zu erweitern, indem man untersucht, wie Aspekte unterschiedlicher Komplexitätsstufen, aus denen eine Gegenstand besteht oder dessen Teil er ist, sich zusammen entwickelt haben, ohne den Anspruch zu erheben, diese Komplexitätsstufen in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Somit ist es letztlich möglich, mehrere sich ergänzende kleine Big History Geschichten zum selben Gegenstand oder Thema zu schreiben.


Folgende Bücher könnte man aus heutiger Sicht als Beispiele für eine Little Big History einordnen, da die Autoren ganz intuitiv etwas sehr Ähnliches tun. Sie beschreiben einen Gegenstand (einen Kieselstein, den menschlichen Körper) mit Bezug auf die größeren Zusammenhänge, in denen diese existieren.

Jan Zalasiewicz (2010) The Planet in a Pebble (Dt. etwa: Der Planet in einem Kiesel)

Neil Shubin (2013) Buch The Universe Within (Dt.: Das Universum in Dir).