Wie kann man Big History nun neu denken?
Frühsommer 2026:
Vor etwa einem Jahr hatte der damalige President der IBHA Daniel Barreiros zu einer neuen Big History aufgerufen (siehe Big History weltweit) und seine Einschätzung zum Stand der Dinge im Gebiet formuliert. Ich hatte ziemliche Hoffnungen, dass es der Beginn einer ernsthaften Diskussion würde - innerhalb der Community. Kann jedoch nicht erkennen, dass es irgendwas bewegt hätte. Was mich wiederum veranlasst, mit dem Thema abzuschließen.
Und so endet meine Big History Reise hier, auch mit dieser Webseite.
Was mich immer noch interessiert, ist eine gute Antwort auf die Frage, wie sind wir hier in unserer Gegenwart mit all ihren kleinen und großen Problemen und Krisen - Polykrise! - gelandet? Was ist unsere Rolle als Mensch(-heit) im großen Ganzen?
Antworten, die Sinn ergeben und Mut machen, fand ich bisher eher außerhalb von Big History. Daher möchte ich hier wenigstens ein paar Bücher und Orte empfehlen, die mir geeigneter erscheinen, die Versprechen einzulösen, die David Christian in seiner edge conversation gegeben hat (siehe hier, Englisch).
Werner Bätzing - Homo destructor - Eine Mensch-Umwelt-Geschichte | Ein guter Anfangspunkt, wenn auch keine leichte Lektüre. Vielleicht gerade, weil es so gut verständlich (für akademische Laien) geschrieben wurde. |
Jeremy Lent - The Patterning Instinct - A cultural history of humanity's search for meaning / A cognitive history of humanity | The Patterning Instinct explores the way humans have made meaning from the cosmos from hunter-gatherer times to the present day. |
Jeremy Lent - The Web of Meaning - Integrating science and traditional wisdom to find our place in the universe. | The Web of Meaning integrates science and traditional wisdom to lay out a solid foundation for a worldview of deep interconnectedness |
- Alles fühlt - Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften - seine Essays: Enlivenment, Sein und Teilen, Indigenialität - Biopoetics | |
- Süssgras flechten - Die Weisheit der Pflanzen - Die ehrenhafte Ernte - Das Großzügigkeit der Felsenbirne | Die englischen Titel sind mitunter aussagekräftiger! Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants The Serviceberry: Abundance and Reciprocity in the Natural World |
Tyson Yunkaporta - Sand Talk - Das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt | |
Emergence Magazine - connecting the threads between ecology, culture and spirituality | Ein wunderbarer Ort im Internet. |
Big History, so stellte sich für mich heraus, ist in einer Hinsicht viel zu groß /too big) für mich, jedoch in vielen anderen Hinsichten viel zu eng gefasst (too narrow), zu sehr vereinfacht - wie Pascal Nouvel feststellte - und damit zu reduktionistisch.
Dieser Moment der Erkenntnis erinnert mich an folgendes Zitat aus Theodore Zeldin - Eine intime Geschichte der Menschheit. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen. Die Worte aber sind mir immer wieder in den Sinn gekommen. So auch jetzt:
One needs to know where one would like to go, but to know also that one is likely to arrive somewhere quite different.
Zeldin, Theodore. An Intimate History of Humanity (English Edition) (p. 373). (Function). Kindle Edition.
Man muss wissen, wo man hin möchte, man muss aber auch wissen, dass man wahrscheinlich ganz woanders ankommt. (meine Übersetzung)
Und ich bin woanders angekommen als ich im Sinn hatte, als ich diese Webseite begonnen habe.
erste Überlegungen im Oktober 2025:
Zunächst einmal würde ich den Anspruch aufgeben, eine Universalgeschichte des 21. Jahrhunderts schreiben zu wollen. Wie wir unter dem Punkt KRITIK gesehen haben, ist das ein sehr problematischer Anspruch.
Ebenso würde ich den Anspruch aufgeben, eine strikt wissenschaftliche Ursprungsgeschichte erzählen zu wollen. Wie Pascal Nouvel in seiner Untersuchung zu den vier Arten Ursprungsnarrative zu konstruieren gezeigt hat, ist dieser Anspruch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden und Big History, wie es bisher erzählt wird, wird dem auch nicht gerecht. Da es zu sehr vereinfachen muss, um eine „single coherent storyline“ zu erschaffen, eine in sich stimmige Geschichte. Diese mag zwar auf den ersten Blick wirken wie Wissenschaft, basiert aber lediglich auf Wissenschaft. (siehe Ursprungsdiskurse)
Auch „modern“ würde ich nicht mehr verwenden, weil sich in zu vielen Bereichen zeigt, dass die sogenannte Moderne sehr viele Probleme mit sich bringt.
So komme ich zu dem (vorläufigen) Schluss, dass es eine eine zeitgemäße Ursprungsgeschichte sein sollte, die sich auf Wissenschaft, Philosophie, Kunst und weitere Arten der Erkenntnis wie indigenes Wissen und Indigene Weltbilder stützt.
Wenn man nun aber keine Universalgeschichte mehr erzählen will, dann braucht unsere neue Big History einen anderen Fokus. Hier hat mich Werner Bätzings Mensch-Umwelt-Geschichte inspiriert, und so würde ich die Mensch-Umwelt-Beziehung zum Fokus einer neuen Big History machen. Zentrale Fragen wären also: Was ist der Mensch? Was macht die Umwelt des Menschen aus? Denn Umwelt umfasst sowohl Natur als auch Technik. Dann ist da noch die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur, die uns so „natürlich“ erscheint. Auch die Frage: Was bedeutet es, ein lebendiges Wesen zu sein? erscheint mir wichtig. Nicht zu vergessen die Frage nach dem guten Leben!
In einem zweiten Schritt wähle ich dann die Literatur aus, auf die ich mich stützen würde - und habe dabei ein VHS Publikum im Blick. Denn man muss auswählen, und die Auswahl bestimmt die Geschichte, die man erzählt. Ich sehe es als eine Art Experiment an. Keinesfalls will ich den Eindruck erwecken, das sei der Weisheit letzter Schluss, oder so und nicht anders sollte man Big History neu denken.