Wie kann man Big History nun neu denken?
Für alle, die mitdenken wollen, ob sie nun (noch) Kontakt aufnehmen oder nicht.
— neuere Einträge zuerst—
Herbst 2026
Noch ein paar abschließende Worte.
Ob wir wollen oder nicht, unser Ausgangspunkt für eine wie auch immer geartete Big History ist in jedem Fall unsere Gegenwart und der Rahmen, die Paradigmen, in denen wir denken, die Welt erleben/erfahren und in Worte fassen. Anders gesagt, das kulturelle Wasser, in dem wir schwimmen, oft, ohne es als das zu sehen, was es ist.
Darauf will Jeremy Lent hinaus mit seinen beiden Büchern The Patterning Instinct und The Web of Meaning. Darauf weist der indische Historiker Dipesh Chakrarbaty hin, wenn er davon spricht Europa zu provinzialisieren. Er weist auch darauf hin, dass „die globale Suche nach einer nachhaltigen Zukunft viel von indigenen Formen der Fürsorge für Land und Biodiversität wird lernen müssen.“ (siehe hier)
Im Dissens-Podcast findet er deutliche Worte dafür, was unserer gegenwärtige Lage erfordert.
Wir Menschen müssen beginnen uns nicht als etwas Besonderes zu sehen. | #338 Dipesh Chakrabarty: „Humanity needs to start seeing itself as not special“ |
Die Moderne treibt die gesamte Menschheit an den Rand der Zerstörung. Um die aktuellen Krisen zu bewältigen, so argumentiert Dipesh Chakratbarty, müssen wir Wege finden, über die festgefahrenen Denksysteme, Herrschaftsstrukturen und materiellen Infrastrukturen hinauszugehen, die uns sowohl voneinander als auch vom Netz des Lebens trennen, zu dem wir gehören. (meine Übersetzung) | Modernity is propelling the entire human race towards the brink of destruction. To deal with the crises at hand, Dipesh Chakratbarty argues, we need to find ways to go beyond the entrenched thought systems, structures of domination and material infrastructures that separate us from each other as well as from the web of life we belong to. |
Vanessa Machado de Oliveira (Andreotti) beschreibt die Moderne durch die Metapher vom Haus, das die Moderne gebaut hat, und sucht nach solchen Wegen in ihren Büchern Hospicing Modernity und Outgrowing Modernity, die ich gerade lese. Das hilft mir sehr dabei, zu verstehen, in welchem Denksystem die Idee einer Big History als neue Universalgeschichte des 21. Jh. geboren wurde, und wie sehr diese Idee mit kolonialen Herrschaftsstrukturen verstrickt ist. Ebenso wie unsere gesamte westliche Lebensweise (nicht nur Denkweise!) mit dem Kolonialismus, der sie überhaupt erst ermöglicht hat, verstrickt ist. Andreotti spricht daher stets von modern/kolonial bzw. von Moderne/Kolonialität. Wir vergessen das gerne, weil es uns unangenehm berührt.
Somit ist es fraglich, ob es aus einer indigenen Perspektive überhaupt Sinn ergibt, ein solches Projekt zu verfolgen, oder aber es muss sich so sehr verändern, dass man einen neuen Namen dafür finden müsste. Andreottis Arbeit hilft mir auch die Schwierigkeiten zu verstehen, die sich ergeben, versucht man indigenes Wissen in das bisherige Big History Schema zu „integrieren.“
Auch deshalb beende ich diese Webseite.
Vielleicht taucht ja an anderer Stelle etwas anderes auf. Wir sagen ja immer, wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich irgendwo eine andere. Und was, wenn wir statt nach Türen zu suchen, auf die \Risse\ achten? Ich danke Bayo Akomolafe für diese Einsicht.
Frühsommer 2026
Vor etwa einem Jahr hatte der damalige President der IBHA Daniel Barreiros zu einer neuen Big History aufgerufen (siehe Big History weltweit) und seine Einschätzung zum Stand der Dinge im Gebiet formuliert. Ich hatte ziemliche Hoffnungen, dass es der Beginn einer ernsthaften Diskussion würde - innerhalb der Community. Kann jedoch nicht erkennen, dass es irgendwas bewegt hätte. Was mich wiederum veranlasst, mit dem Thema abzuschließen.
Und so endet meine Big History Reise hier, auch mit dieser Webseite.
Was mich immer noch interessiert, ist eine gute Antwort auf die Frage, wie sind wir hier in unserer Gegenwart mit all ihren kleinen und großen Problemen und Krisen - Polykrise! - gelandet? Was ist unsere Rolle als Mensch(-heit) im großen Ganzen?
Antworten, die Sinn ergeben und Mut machen, fand ich bisher eher außerhalb von Big History. Daher möchte ich hier wenigstens ein paar Bücher und Orte empfehlen, die mir geeigneter erscheinen, die Versprechen einzulösen, die David Christian in seiner edge conversation gegeben hat (siehe hier, Englisch).
Werner Bätzing - Homo destructor - Eine Mensch-Umwelt-Geschichte | Ein guter Anfangspunkt, wenn auch keine leichte Lektüre. Vielleicht gerade, weil es so gut verständlich (für akademische Laien) geschrieben wurde. |
Jeremy Lent - The Patterning Instinct - A cultural history of humanity's search for meaning / A cognitive history of humanity | The Patterning Instinct explores the way humans have made meaning from the cosmos from hunter-gatherer times to the present day. |
Jeremy Lent - The Web of Meaning - Integrating science and traditional wisdom to find our place in the universe. | The Web of Meaning integrates science and traditional wisdom to lay out a solid foundation for a worldview of deep interconnectedness |
- Alles fühlt - Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften - seine Essays: Enlivenment, Sein und Teilen, Indigenialität - Biopoetics | siehe unten |
- Süssgras flechten - Die Weisheit der Pflanzen - Die ehrenhafte Ernte - Das Großzügigkeit der Felsenbirne | Die englischen Titel sind mitunter aussagekräftiger! Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants The Serviceberry: Abundance and Reciprocity in the Natural World |
Tyson Yunkaporta - Sand Talk - Das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt | |
Emergence Magazine - connecting the threads between ecology, culture and spirituality | Ein wunderbarer Ort im Internet. |
Big History, so stellte sich für mich heraus, ist in einer Hinsicht viel zu groß (too big) für mich, jedoch in vielen anderen Hinsichten viel zu eng gefasst (too narrow), zu sehr vereinfacht - wie Pascal Nouvel feststellte - und damit zu reduktionistisch.
Dieser Moment der Erkenntnis erinnert mich an folgendes Zitat aus Theodore Zeldin - Eine intime Geschichte der Menschheit. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen. Die Worte aber sind mir immer wieder in den Sinn gekommen. So auch jetzt:
One needs to know where one would like to go, but to know also that one is likely to arrive somewhere quite different.
Zeldin, Theodore. An Intimate History of Humanity (English Edition) (p. 373). (Function). Kindle Edition.
Man muss wissen, wo man hin möchte, man muss aber auch wissen, dass man wahrscheinlich ganz woanders ankommt. (meine Übersetzung)
Und ich bin woanders angekommen als ich im Sinn hatte, als ich diese Webseite begonnen habe.
Weitere Überlegungen im Dezember 2025:
Werner Bätzings Mensch-Umwelt-Geschichte bietet sich an, weil er seine Untersuchung sowohl auf wissenschaftliche Erkenntnisse, als auch auf philosophische Überlegungen stützt. Anders gesagt verbindet er Natur- und Geisteswissenschaften, eines der erklärten Ziele von Big History.
Dasselbe tut Andreas Weber für die Biologie und die Frage Was ist Leben? In „Biopoetics“ in der Springer Reihe zu Biosemiotics (Biosemiotik) entwirft er eine existenzielle Ökologie, indem er sich auf biologische Forschung und philosophische Überlegungen zum Leben stützt und so ebenfalls Natur- und Geisteswissenschaften zusammenbringt.
In der Beschreibung des Buches liest sich das so:
Die Biopoetik löst sich vom kausal-mechanistischen Paradigma, das die Biologie unfähig machte, Geist und Bedeutung/Sinn zu erklären. Die Biologie wird zu einer Wissenschaft des Ausdrucks, der Verbindung und der Subjektivität, die alle Organismen, einschließlich des Menschen, als fühlende Wesen in einer gemeinsamen Ökologie bedeutungsvoller/sinnvoller Beziehungen verstehen kann, eingebettet in einen symbolischen und materiellen Stoffwechsel der Biosphäre. (meine Übersetzung) | From: About this book |
Aufgrund der Arbeit dieser beiden Autoren kristallisiert sich ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der Literatur für eine neue Big History für mich heraus.
Als Big Historians sollten wir Kuratoren sein, die im Hinblick auf das, was wir mit Big History erreichen wollen, sorgfältig auswählen, welche Literatur - welche der vielen aktuellen Forschungsergebnisse - wir für unsere Gesamtdarstellung heranziehen. Indem wir das tun, ergibt sich hoffentlich ein besserer, ganz sicher aber ein anderer, Blick auf das, was von den bisherigen Kritiken angesprochen wurde.
erste Überlegungen im Oktober 2025:
Zunächst einmal würde ich den Anspruch aufgeben, eine Universalgeschichte des 21. Jahrhunderts schreiben zu wollen. Wie wir unter dem Punkt KRITIK gesehen haben, ist das ein sehr problematischer Anspruch.
Ebenso würde ich den Anspruch aufgeben, eine strikt wissenschaftliche Ursprungsgeschichte erzählen zu wollen. Wie Pascal Nouvel in seiner Untersuchung zu den vier Arten Ursprungsnarrative zu konstruieren gezeigt hat, ist dieser Anspruch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden und Big History, wie es bisher erzählt wird, wird dem auch nicht gerecht. Da es zu sehr vereinfachen muss, um eine „single coherent storyline“ zu erschaffen, eine in sich stimmige Geschichte. Diese mag zwar auf den ersten Blick wirken wie Wissenschaft, basiert aber lediglich auf Wissenschaft. (siehe Ursprungsdiskurse)
Auch „modern“ würde ich nicht mehr verwenden, weil sich in zu vielen Bereichen zeigt, dass die sogenannte Moderne sehr viele Probleme mit sich bringt.
So komme ich zu dem (vorläufigen) Schluss, dass es eine eine zeitgemäße Ursprungsgeschichte sein sollte, die sich auf Wissenschaft, Philosophie, Kunst und weitere Arten der Erkenntnis wie indigenes Wissen und Indigene Weltbilder stützt.
Wenn man nun aber keine Universalgeschichte mehr erzählen will, dann braucht unsere neue Big History einen anderen Fokus. Hier hat mich Werner Bätzings Mensch-Umwelt-Geschichte inspiriert, und so würde ich die Mensch-Umwelt-Beziehung zum Fokus einer neuen Big History machen. Zentrale Fragen wären also: Was ist der Mensch? Was macht die Umwelt des Menschen aus? Denn Umwelt umfasst sowohl Natur als auch Technik. Dann ist da noch die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur, die uns so „natürlich“ erscheint. Auch die Frage: Was bedeutet es, ein lebendiges Wesen zu sein? erscheint mir wichtig. Nicht zu vergessen die Frage nach dem guten Leben!
In einem zweiten Schritt wähle ich dann die Literatur aus, auf die ich mich stützen würde - und habe dabei ein VHS Publikum im Blick. Denn man muss auswählen, und die Auswahl bestimmt die Geschichte, die man erzählt. Ich sehe es als eine Art Experiment an. Keinesfalls will ich den Eindruck erwecken, das sei der Weisheit letzter Schluss, oder so und nicht anders sollte man Big History neu denken.